Ich gehöre zu den Menschen, denen im Herbst oft melancholisch zumute wird. Wenn die Tage kürzer werden, das Licht schwindet und sich die Natur von ihrer zwar farbenprächtigen, aber doch sterbenden Seite zeigt, dann fühle ich mich stärker als sonst herausgefordert, den Grund zu leben in mir selber zu suchen. Denn dem Aufbruch, den der Frühling in jedem seiner wundervollen Augenblicke ausstrahlt, steht die Botschaft des Herbstes entgegen, dass alles mal ein Ende hat und wir mittendrin stecken in dem ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen. Nicht nur die Natur wirft ihre Blätter ab, irgendwann werden wir selbst wie eines dieser Blätter sein, die sich vom Baume lösen und, vom Wind getragen, zu Boden schweben.

Die Zeit wird knapp. Das zeigt der Herbst. Und ermuntert uns, unser Bestes zu geben und unser Leben zur Vollendung zu bringen.

Ich schrieb dir, dass ich gerade Gedichte durchstöbere. Deshalb kredenze ich dir öfter mal eines. Es ist die passende Jahreszeit dafür, denn gerade Herbstgedichte gibt es in Fülle. Einige davon sind es absolut wert, gelesen oder gesprochen zu werden. So wie dies von dem unvergessenen Rainer Maria Rilke.

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. 
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren, 
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein; 
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage, 
dränge sie zur Vollendung hin und jage 
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. 
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, 
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben 
und wird in den Alleen hin und her 
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Rainer Maria Rilke

Aus Rainer Maria Rilkes Zeilen tropft die Melancholie fast heraus. Sie ist kein Makel, diese Melancholie, sie ist eine gute Eigenschaft, die Stimmungen seismografisch zu erspüren in der Lage ist. Und manche Künstlerin, mancher Künstler kann diese Stimmung in heilsame Worte fassen, Worte von großer Kraft und Unvergänglichkeit.

Die Zeit wird knapp. Das zeigt das Gedicht. Und ermuntert uns, unser Bestes zu geben und unser Leben zur Vollendung zu bringen, damit wir nicht mehr unruhig wandern, sondern irgendwann zufrieden und des Lebens satt sterben dürfen.

Ich wünsche dir eine herbststimmungsvolle Woche von Mittwoch zu Mittwoch,

deine Katharina

Zitat der Woche: „Was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling.“ (Laotse)