Gestern habe ich meinen 60. Geburtstag gefeiert. Gefeiert ist zu viel gesagt: ich habe ihn begangen. Es war ein Tag, der sich von den Abläufen her nicht großartig von ganz normalen anderen Tagen unterschied. Anders war, dass ich aufgestanden bin, ohne mir den Wecker gestellt zu haben. Anders war, dass ich mir aussuchen konnte, was es zum Frühstück und was zum Mittagessen gab. Anders war auch, dass unsere älteste Tochter abends nach der Arbeit vorbeikam, wir mit einem Glas Sekt (oder auch zwei) auf mein neues Lebensjahr und Lebensjahrzehnt angestoßen haben und ein Weilchen nett beieinander saßen – mit Kerze an und etwas zum Knabbern auf dem Tisch. Ganz ruhig und ganz entspannt.

Von einer Frau aus meiner Tanzgruppe wurde ich am Montag gefragt, ob mir die 60 bevorstehe. Und komischerweise war das nicht so. Auf dem Papier bin ich ein Jahr älter geworden, faktisch aber nur einen Tag. Die Null hinter der sechs sagt mir, dass ein neues Lebensjahrzehnt angebrochen ist, aber ich fühle den Meilenstein nicht. Tatsächlich macht mir der Schritt in diese nächste Lebensphase weder Gedanken noch Mühe. Wahrscheinlich habe ich einfach nur keine Zeit, mich damit zu beschäftigen.

Es ist ein Effekt, wie ich ihn auch bei Trauernden erlebe. Sie können schwere Abschiede hinter sich haben, aber wenn sie eine Aufgabe in sich spüren, dann verharren sie nicht in Trauer und erstarren nicht in ihrer Befindlichkeit. So ist es zum Beispiel bei Eltern, die sich trotz ihrer Traurigkeit verantwortlich für ihre Kinder fühlen und sich um sie kümmern müssen.

Gerade habe ich die Lebensgeschichte einer Frau schreiben dürfen, die nach dem Tod ihres Mannes den drängenden Ruf verspürte, sich um ihren Enkel zu kümmern, der sehr an seinem Opa gehangen hatte. Sie hat all ihre Kraft und ihren Lebensmut zusammengenommen, um für ihren Enkel da zu sein. Es war eine schwere Aufgabe, aber sie führte dazu, dass diese alte Dame einen Sinn in ihrem Leben sah und weiterleben wollte, unbedingt! Es gab nicht viele Möglichkeiten, in Selbstmitleid zu versinken oder sich zu sehr um die eigene Befindlichkeit zu drehen.

Ich für meinen Teil halte viel davon, mir zu jeder Zeit meines Lebens Herausforderungen zu suchen, Aufgaben, die mich lebendig erhalten und geistig beweglich. Gut dosiert hilft das, von sich selbst abzusehen, Gefühlstiefen zu überwinden und zu spüren, wofür es sich zu leben lohnt.

Mein Leben lohnt sich auch mit 60 Jahren noch. Mein Ziel, 97 Jahre alt zu werden, ist lange nicht erreicht. Und wenn ich mit 95 morgens die Augen aufschlage und mich frage, was das Leben mir an diesem Tag wohl Neues bringt, dann habe ich alles richtig gemacht.

Und falls dich die Frage beschäftigen sollte, ob ich meinen Geburtstag denn gar nicht feiere: Doch, ich feiere ihn! Mein Mann und ich haben uns von unseren Kindern zu unseren 60. Geburtstagen gewünscht, dass sie für uns die Feier planen. Und nun kommen am Pfingstsonntag liebe Menschen zu Besuch, die zu unserem Leben gehören, und wir mussten uns um nichts kümmern – nicht um die Einladung, nicht um das Zelt im Garten, nicht um das Essen und auch nicht um die Deko. Ich freue mich darauf! Auf diese besondere Feier und die Familienzeit, die sich drum herum rankt. Mit 60 so wie in jedem anderen Jahr…

Ich wünsche dir von Herzen eine herausforderungsreiche Woche von Mittwoch zu Mittwoch,

deine Katharina

Zitat der Woche: „So ist das Leben, und so muss man es nehmen, tapfer, unverzagt und lächelnd – trotz alledem.“ (Rosa Luxemburg)