Die dunkle Jahreszeit ist für viele eine Herausforderung. Ich persönlich bin, da bin ich ganz ehrlich, keine Freundin dieser Monate. Ich freue mich in jedem Jahr auf den Tag, an dem die Wintersonnenwende gewesen ist und das Licht allmählich wieder in die Welt zurückkommt. In diesem Jahr haben wir es wohl noch nötiger als sonst, dieses Licht.

Meine Familie und ich, vielmehr mein Mann, unsere jüngste Tochter und ich, befinden uns mitten in den Umzugsvorbereitungen. Renovieren, räumen, bedenken, machen, ausmisten, Sachen transportieren, das alles beschäftigt mich und uns gerade. Es fordert meine Kräfte, zeigt mir aber auch, dass all das, was im Moment um uns herum geschieht, nicht alles ist. Es gibt so viel, wofür es sich zu leben lohnt, trotzdem.

Meine Arbeit läuft derweil weiter. So war ich am letzten Sonntag an einer Gedenkfeier zum Toten- oder Ewigkeitssonntag beteiligt, die das Bestattungsinstitut Koop in Bremerhaven ausgerichtet hat. Mein Vortrag dort orientierte sich an dem Gedicht von Mascha Kaléko „Wir haben keine andre Zeit als diese“.

Hier ein Auszug daraus:

Wenn wir keine andere Zeit als diese, in der wir leben, haben. Wenn wir aus der halbgefüllten Schale, die sich kein zweites Mal füllt, trinken müssen. Wenn wir unser junges Leben gestalten und genießen wollen, bevor wir alt werden. Wenn wir kein Nochnichtsterben leben wollen, sondern unser Leben ein echtes und lebendiges sein soll. Dann müssen wir Strategien entwickeln, wie wir mit der Zeit, so wie sie ist, umgehen lernen. Menschenwürdig, sozial und einfühlsam.

Sie alle sind heute gekommen, weil Sie trotz der Pandemie dem Gedenken Raum geben möchten, der Trauer und den Gefühlen im Zusammenhang des Abschieds. Das ist ein kleiner Baustein für eine Umgehensweise, derer die Pandemie bedarf. Trotzdem Räume zur Erinnerung zu schaffen. Und Zeit zu haben für ein bisschen Menschlichkeit.

Egal in welcher Zeit, eine menschliche Gesellschaft lebt von den Leuten, die von sich selbst und ihren Gefühlen wissen und die mit ihnen in Kontakt sind. Wer sich hinein fühlen kann in die Situation, wie es ist, neun Wochen lang alleine im Krankenhaus zu liegen, um sein Leben zu ringen und nur zweimal in der gesamten Zeit Besuch bekommen zu dürfen, der trifft genau diese Entscheidung nicht, dass kein Besuch kommen darf. Der sucht nach einer anderen, würdigeren Lösung. Nur wer seine eigenen Gefühle abspaltet, kann auch das Schicksal anderer Menschen abspalten. Dem ist es egal, wer wie auf welche Weise umkommt. Wenn nur er selbst davonkommt.

Gefühle zuzulassen, erschließt eine Dimension von Leben, die vielen abhandengekommen ist, aber die es reicher und tiefer macht und dafür sorgt, auch unter besonderen Umständen auf gute und soziale Weise agieren und reagieren zu können. Was ist schlimm daran, mir selbst und anderen einzugestehen, dass ich einsam bin, dass ich soziale Kontakte und Nähe brauche, dass ich Angst habe, dass ich traurig bin? Nichts ist menschlicher als das. Und nichts brauchen wir mehr in unserer Zeit unter den besonderen Umständen, in denen wir leben. „Wir haben keine andre Zeit als diese.“

Wir können und dürfen es uns nicht sagen: „Ach egal, bald kommen bessere Zeiten!“ So herausfordernd die Situation auch gerade ist. Das, was wir erleben, sind die besten Zeiten. Die besten Zeiten im Hier und Jetzt. Sie haben es verdient, mit Sorgsamkeit, Achtsamkeit und Liebe gefüllt zu werden für sich selbst und andere. Denn schließlich haben wir keine andere Zeit als diese.

Ich wünsche dir von Herzen eine dankbare Woche von Mittwoch zu Mittwoch,

deine Katharina

Zitat der Woche: „„Ein guter, edler Mensch, der mit uns gelebt, kann uns nicht genommen werden. Er lässt eine leuchtende Spur zurück gleich jenen erloschenen Sternen, deren Bild die Erdbewohner noch nach Jahrhunderten sehen.“ (Thomas Carlyle)