An diesem Montagmorgen stehe ich in den Startlöchern für eine Seebestattung.
Wir laufen von Bremerhaven aus. Von mir aus knapp 100 Kilometer entfernt.
Das Schiff, das sonst für Hafenrundfahrten genutzt wird, fährt regelmäßig hinaus aufs Meer. Es trägt Urnen, Angehörige und Trauergäste zur Beisetzung auf See – und wieder zurück.
Heute bin ich als Trauerrednerin Teil dieser besonderen Abschiedsfeier.
Wenn sich Wege erneut kreuzen
Die Frau, über die ich heute sprechen darf, kannte mich bereits.
Vor zwei Jahren durfte ich die Trauerfeier für ihre Mutter begleiten. Nun ist sie selbst – sehr plötzlich – zwei Wochen vor ihrem 68. Geburtstag verstorben.
Solche Begegnungen zeigen mir immer wieder, wie eng sich die Wege in diesem Beruf verweben.
Die Familie lebt in Hessen.
Ehemann, Kinder und Enkelkinder sind aus Bruchköbel, östlich von Frankfurt am Main, angereist, um heute gemeinsam Abschied zu nehmen – auf dem Meer.
Trauergespräch über Distanz – und doch nah
Für das Trauergespräch musste ich nicht nach Hessen reisen.
In Zeiten von Videokonferenzen ist vieles möglich geworden.
Und doch bleibt es bemerkenswert, wie weit sich die Netze in diesem Beruf spannen.
Verbindungen entstehen über Hunderte von Kilometern hinweg.
Gerade bei einer Seebestattung ist das für viele Familien eine Herausforderung:
Wen fragt man, wenn man selbst im Inland lebt?
Umso größer ist die Erleichterung, wenn bereits Vertrauen da ist.
Pünktlichkeit ist auf See keine Option, sondern Voraussetzung
Heute werden wir mit rund 30 Personen aufbrechen.
Pünktlich um 13:30 Uhr legt das Schiff ab.
Es wird nicht gewartet.
Die Abläufe auf See sind an Gezeiten, Schleusen und feste Zeitfenster gebunden.
Verspätungen lassen sich hier nicht auffangen.
Ich erlebe es bei Trauerfeiern immer wieder, dass Menschen zu spät kommen.
Nicht nur wenige Minuten – manchmal deutlich später.
Und ja, das berührt mich.
Weil ein Abschied verdient, dass wir ihm Zeit und Aufmerksamkeit schenken.
Auf See regelt sich das anders.
Das Schiff fährt.
Ich habe schon erlebt, dass Menschen am Hafen standen und dem Schiff hinterherwinkten. In der Hoffnung, es würde umkehren.
Es tat es nicht.
Ein eingespieltes Miteinander
Die Crew auf der MS Geestemünde und ich kennen uns bereits.
Das macht vieles leichter.
Der Kapitän, ein großer, ruhiger Mann, sorgt dafür, dass alles seinen Ablauf hat.
Und auch an Bord entsteht eine Form von Fürsorge.
Eine der Mitarbeiterinnen kümmert sich ganz selbstverständlich darum, dass ich Kaffee bekomme und versorgt bin – obwohl ich nicht Teil der Trauergesellschaft bin.
Solche kleinen Gesten tragen.
Wenn ein Team eingespielt ist, braucht es nicht viele Worte.
Ein kurzes Hallo.
Ein kurzer Blick.
Ein kurzer Check der Musik.
Und dann kann es losgehen.
Abschied auf dem Meer
Mein Mantel und mein Schal liegen bereit.
In Bremerhaven werden heute maximal sieben Grad erwartet. Dazu Wind. Vielleicht Regen.
Eine Seebestattung bedeutet immer auch, sich den Elementen auszusetzen.
Wind, Wasser, Weite.
Es ist, wie es ist.
Und es wird sein, wie es sein wird.
Diese Haltung trägt auch durch diese Art von Abschied. Denn auf dem Meer lässt sich nichts kontrollieren.
Ich bin dankbar dafür16, heute dabei sein zu dürfen.