Gestern um 10:00 Uhr habe ich eine Trauerfeier auf dem Friedhof Moordeich in Stuhr begleitet, nahe Bremen. Was mich an diesem Abschied besonders beschäftigte, war nicht allein die Rede, nicht allein die Begegnung mit den Angehörigen – sondern die Frage, ob ich pünktlich und vor allem heil dort ankommen würde.
Denn bei uns im Norden war zum Wochenende hin das Schneechaos ausgebrochen. Dichter Schneefall, Eisesglätte, Straßen, die kaum noch berechenbar waren.
Wenn äußere Umstände alles verändern
Ich entschied mich, für die Fahrt die dreifache Zeit einzuplanen, plus zusätzlichen Puffer. Trotzdem war mir bei der Abfahrt mulmig. Auch als versierte Autofahrerin weiß ich: Bei Schnee und Eis gibt es zu viele Unwägbarkeiten.
Im Radio wurde immer wieder dazu geraten, möglichst zu Hause zu bleiben. Und tatsächlich waren weniger Autos unterwegs als sonst. Doch die, die unterwegs waren, kämpften. Durchdrehende Räder, querstehende Fahrzeuge, Autos, die ihren Dienst ganz einstellten.
Auch ich musste von A nach B. Einfach abzusagen war keine Option.
Außergewöhnliche Situationen verlangen außergewöhnliches Handeln
Außergewöhnliche Wetterlagen verlangen außergewöhnliche Maßnahmen. Wenn die Welt aus den Fugen gehoben ist, kann sie sich nicht einfach weiterdrehen wie gewohnt. Manchmal dreht sie sich langsamer. Manchmal bleibt sie für einen Moment stehen.
So haben wir es während der Pandemie erlebt. So erleben wir es, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Dann ist nichts mehr wie zuvor.
Wer je einen nahestehenden Menschen verloren hat, weiß, wie sehr sich die innere Welt verschiebt. Und wer je Menschen in tiefer Trauer begleitet hat, weiß, dass es in diesen Momenten vor allem eines braucht: Halt.
Der Beruf Trauerredner:in als Teil des unterstützenden Systems
Beim Schneechaos reagiert das System um uns herum. Schulen schließen, Schneepflüge fahren, Wege werden geräumt. Das alles nimmt dem Winter nicht seine Härte, aber es begrenzt die Schäden.
Als Trauerredner:innen können wir den Menschen den schweren Verlust nicht nehmen. Wir können den Tod nicht ungeschehen machen. Aber wir können Teil eines unterstützenden Systems sein. Teil derjenigen, die dabei helfen, das Unfassbare ein wenig tragbarer zu machen.
In der Zeit der Trauer da zu sein, bedeutet nicht, Lösungen zu liefern.
Es bedeutet, da zu sein.
Mit Worten, mit Präsenz, mit Menschlichkeit.
Ein Abschied in Eiseskälte
Ich brauchte an diesem Morgen deutlich länger als sonst, um wohlbehalten in Stuhr anzukommen. Doch der Puffer reichte. Die Bestatterin und ich waren die ersten vor Ort. Das Team stand bereit.
Sie auf ihre Weise. Ich mit meiner Rede.
Gemeinsam konnten wir dazu beitragen, dass viele Trauergäste nach der Abschiedsfeier – trotz aller Trauer – mit einem leisen Lächeln auf den Lippen hinaus in die Eiseskälte vor der Kapelle traten.
Nicht, weil der Schmerz verschwunden war. Sondern weil er für einen Moment gehalten wurde.
Ein Nest von Geborgenheit
Wenn die Welt aus den Fugen gehoben ist, braucht es Menschen, die sie für einen Augenblick in ein Nest von Geborgenheit betten.
Menschen, die nicht wegsehen. Die Verantwortung übernehmen. Die bleiben, auch wenn es schwierig ist.
Ich wünsche dir von Herzen ein sonnig-schönes Winterwochenende – und Menschen an deiner Seite, die dir Halt geben, wenn der Boden rutschig wird.
Deine Katharina