Über das Tabuthema Sucht sprechen, auch auf dem Friedhof. Ein Erfahrungsbericht einer Trauerrednerin.
Eine Abschiedsrede, die ausspricht, was alle wussten
Manchmal ist es die Trauerrednerin, die das sagt, was eine ganze Familie seit Jahren nicht laut aussprechen konnte.
Kürzlich hielt ich eine Abschiedsrede für einen Mann, der mit 57 Jahren gestorben ist. Er selbst hatte das Wort „Alkoholismus“ nie verwendet, obwohl es sein Leben geprägt, seine Ehe zerstört und ihn seinen Beruf gekostet hatte. Und obwohl es am Ende sein Leben beendet hat.
Alle wussten es. Niemand sprach es aus.
Was Alkoholsucht wirklich zerstört
Seine Frau hatte sich von ihm getrennt und die Kinder mitgenommen. Er verlor seinen Arbeitsplatz. Ohne Struktur, ohne Halt, ohne tägliche Verbindlichkeit wurde der Weg zurück aus der Sucht noch schwerer.
Es gab Entzugsversuche. Einmal gelang es ihm tatsächlich: In einer Therapieeinrichtung blieb er für mehrere Monate trocken, durch engmaschige Begleitung, durch Struktur, durch das Netz, das andere um ihn spannten.
Dann entschied er sich, die Einrichtung zu verlassen. Allein in einer Wohnung. Und die Spirale begann erneut, dieses Mal ohne jede Aufwärtsbewegung.
Hilfe wurde angeboten und abgelehnt
Es gab Stopp-Schilder auf seinem Weg. Die Trennung. Der Jobverlust. Klare Signale, dass sein Leben aus den Fugen geraten war.
Und es gab Menschen, die ihm ihre Hilfe anboten. Etliche.
Er lehnte ab.
Vordergründig wollte er es alleine schaffen. Im Hintergrund wusste er vermutlich längst, dass er es alleine nicht schaffen würde. Denn das ist das Paradox der Sucht: Der Wunsch, niemandem zur Last zu fallen, wird selbst zur Last.
Das Trauergespräch: Was endlich auf den Tisch kam
Das Gespräch vor der Beerdigung fand statt mit seinen Kindern, seinen Eltern, einer Schwester und den Schwagern. Was er jahrelang verborgen hatte, lag plötzlich offen auf dem Tisch.
Nicht nur sein eigenes Leid, sondern auch das der Menschen, die ihn liebten und hilflos zusehen mussten.
Und dann diese eine Frage, die die Angehörigen nicht loslässt:
„Haben wir es versäumt, dich zu tragen?“
Sie haben viel getragen. Mehr als die meisten wissen. Auch ihn. Schuld tragen sie keine, aber die Last seines Todes mit 57 Jahren, die gehört nun zu ihrem Leben.
Warum Alkoholismus auch in Trauerfeiern gehört
Alkohol ist die Volksdroge Nummer 1 in Deutschland. Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung trinken Millionen Menschen hierzulande in gesundheitlich riskanter Weise. Viele sterben daran, direkt oder indirekt.
Und dennoch: In Trauerhallen und auf Friedhöfen wird darüber geschwiegen.
Ich glaube, das muss sich ändern.
Nicht mit Verurteilung. Nicht mit erhobenem Zeigefinger. Sondern mit der Würde, die jeder Mensch verdient, auch jener, der eine Sucht hatte, die stärker war als sein Wille.
In meiner Rede über diesen Mann stand ein Passus, den ich hier teilen möchte:
„Es ist nicht an uns, zu bewerten, was da geschehen ist. Und keinesfalls haben wir das Recht, ihn zu verurteilen. Denn niemand von uns lief in seinen Schuhen. Niemand weiß, welche Nöte ihn wirklich dazu trieben, dass er den Weg zurück in die Helligkeit des prallen Lebens nicht gefunden hat. Die vielen Stufen die Spirale aufwärts. Er hätte es so gerne geschafft.“
Tabuthemen ansprechen: wertschätzend und mutig
Ich packe den Stier gerne bei den Hörnern. Es ist mir lieber, über schwierige Themen sprechen zu dürfen, als darüber schweigen zu müssen.
Alkoholismus. Depression. Suizid. Einsamkeit im Alter. Zerbrochene Familien.
Diese Realitäten sterben nicht mit dem Menschen. Sie leben weiter, in den Köpfen und Herzen der Hinterbliebenen. Wenn ich als Trauerrednerin die Möglichkeit bekomme, diese Dinge in Worte zu fassen, dann tue ich das: respektvoll, ohne Wertung, aber klar.
Sofern es den Angehörigen recht ist.
Was denkst du?
💬 Soll über Sucht in Trauerfeiern gesprochen werden oder lieber nicht?
Ich freue mich auf deine Gedanken dazu.
Katharina begleitet Menschen als Trauerrednerin durch Abschiede, die schwer in Worte zu fassen sind. Sie spricht auch dann, wenn andere schweigen, aber immer mit Würde und Wärme.