Kraftorte: Was geschieht, wenn Orte sterben?
Kraftorte begleiten Menschen oft über Generationen hinweg. Sie schenken Ruhe, Orientierung und neue Energie. Manche Menschen suchen sie bewusst auf, andere spüren einfach, dass ihnen ein bestimmter Ort guttut.
Doch was geschieht, wenn solche Kraftorte ihre Lebendigkeit verlieren?
Diese Frage hat mich vor wenigen Tagen beschäftigt.
Ein besonderer Kraftort in St. Jürgen
Gemeinsam mit meinem Videografen Christoph war ich Anfang der Woche in St. Jürgen unterwegs, einem kleinen Ortsteil von Lilienthal. Dort stehen eine mehr als 1000 Jahre alte Kirche, ein Pfarrhaus und ein ehemaliges Küsterschulhaus.
Für viele mag es nur ein historisches Ensemble sein. Für mich ist es weit mehr als das.
Die St.-Jürgens-Kirche war die Kirche meiner letzten Pfarrstelle. Im Pfarrhaus haben meine Familie und ich viele Jahre gelebt. Es ist ein Ort voller Erinnerungen und Geschichten.
Eigentlich waren Christoph und ich dort, um Videos zu drehen. Das satte Grün der Landschaft und die besondere Atmosphäre eignen sich wunderbar dafür. Doch während unseres Besuchs fiel mein Blick auf etwas anderes.
Ich hatte das Gefühl, dass dieser Kraftort langsam stirbt.
Was macht einen Kraftort aus?
Früher schienen Menschen ein besonderes Gespür dafür zu haben, wo sich Kraftorte befinden. An vielen dieser Stellen wurden Kirchen errichtet.
Ob man gläubig ist oder nicht, spielt dabei oft keine Rolle.
Es gibt Orte, an denen Menschen zur Ruhe kommen. Orte, die Weite schenken. Orte, an denen man durchatmen kann.
Genau das erleben viele Besucherinnen und Besucher bis heute in St. Jürgen.
Als wir dort lebten, kamen regelmäßig Menschen vorbei. Nicht unbedingt wegen eines Gottesdienstes. Sie suchten einfach einen Platz, an dem sie auftanken konnten.
Einen echten Kraftort eben.
Wenn Kraftorte ihre Lebendigkeit verlieren
Das ehemalige Küsterschulhaus steht inzwischen leer. Das Pfarrhaus wurde vom letzten Pastor verlassen. Seine Nachfolgerin wohnt an einem anderen Ort.
Und auch die Kirche selbst wirkt heute anders als früher.
Natürlich kenne ich die Hintergründe. Vielerorts fehlen finanzielle Mittel. Kirchengemeinden werden kleiner. Gebäude können nicht mehr in dem Maße erhalten werden, wie es wünschenswert wäre.
Dennoch stellt sich mir eine Frage:
Was geschieht, wenn Orte verschwinden, die Menschen über Generationen hinweg Kraft gegeben haben?
Nicht jedes Gebäude lässt sich retten. Nicht jede Entwicklung lässt sich aufhalten.
Aber vielleicht sollten wir genauer hinschauen, bevor wir solche Orte verlieren.
Warum Kraftorte wichtig bleiben
In meiner Arbeit als Trauerrednerin erlebe ich immer wieder, wie wichtig Orte für Menschen sind.
Bestimmte Plätze verbinden wir mit Erinnerungen, mit Lebensabschnitten und mit Menschen, die uns geprägt haben.
Deshalb kann auch der Verlust eines Ortes Trauer auslösen.
Nicht, weil Steine verschwinden.
Sondern weil etwas verloren geht, das Menschen Halt gegeben hat.
Kraftorte erinnern uns daran, wer wir sind und was uns wichtig ist. Sie verbinden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander.
Menschen sterben. Orte sterben.
Ich bin heute nicht mehr verantwortlich für St. Jürgen.
Und trotzdem lässt mich die Entwicklung nicht kalt.
Menschen sterben.
Orte sterben.
Manches lässt sich aufhalten, anderes nicht.
Die Herausforderung besteht darin, zu unterscheiden, wo wir etwas bewahren können und wo wir lernen müssen loszulassen.
Denn auch Orte erzählen Geschichten.
Und manche dieser Geschichten verdienen es, bewahrt zu werden.