Eine brennende Kerze steht auf meinem Schreibtisch.

Das habe ich mir so angewöhnt. Sommers wie winters. Wenn ich arbeite, habe ich immer ein Licht dabei. Ein lebendiges Licht. Ich bin keine Freundin von künstlichen Kerzen.

Steht meine Kerze da und ich habe sie nicht angezündet, fühlt sich das irgendwie nicht richtig an. So als hätte ich etwas vergessen. So als würde etwas fehlen und ich wäre nicht zum Arbeiten bereit.

Manchmal, wenn ich meine Gedanken schweifen lasse, schaue ich in die Flamme. Das hilft mir ebenso dabei, mich zu sortieren, wie der Blick ins Grün vor meinem Fenster. Der Kopf braucht solche Momente. Momente, in denen er kurz aussteigt, um anschließend wieder einsteigen zu können.

Das letzte Aufflackern einer Kerze

Hast du einmal beobachtet, was eine Kerze tut, bevor sie erlischt?

Sie flackert auf.

Ihre Flamme wird für kurze Zeit größer und heller, oft auch unruhiger. Und dann, mit einem Mal, ist es vorbei. Der Docht sackt in das letzte bisschen Wachs. Das Licht geht aus.

Dieses Bild kommt mir immer wieder in den Sinn, wenn ich an Menschen denke, die sich auf ihrem letzten Lebensweg befinden.

Wenn Sterbende plötzlich wieder wach und klar wirken

Viele Angehörige erleben kurz vor dem Tod eines geliebten Menschen etwas, das sie zunächst kaum einordnen können.

Ein Mensch, der seit Tagen kaum noch ansprechbar war, öffnet plötzlich die Augen.

Eine Frau mit schwerer Demenz erkennt ihre Familie auf einmal wieder.

Jemand, der fast nur noch schläft, führt plötzlich ein ganz normales Gespräch oder bittet sogar um etwas zu essen.

Manche setzen sich noch einmal auf, lachen oder erzählen Geschichten aus ihrem Leben.

Für Angehörige wirken solche Momente meist wie ein kleines Wunder.

Deshalb lösen sie häufig große Hoffnung aus.

Ein Phänomen, das zum Sterbeprozess gehören kann

Was viele Menschen nicht wissen: Solche Veränderungen können Teil des natürlichen Sterbeprozesses sein.

In der Fachwelt wird dieses Phänomen unter anderem als terminale Klarheit bezeichnet. Gemeint ist, dass manche Sterbende kurz vor ihrem Tod noch einmal erstaunlich wach, ansprechbar oder geistig klar wirken.

Warum das geschieht, ist bis heute nicht vollständig erforscht.

Fest steht jedoch, dass dieses plötzliche Aufblühen nicht automatisch bedeutet, dass sich der Gesundheitszustand dauerhaft verbessert.

Oft ist es vielmehr das letzte Aufflackern der Lebensenergie.

So wie die Kerze auf meinem Schreibtisch, die ein letztes Mal aufflackert, bevor sie endgültig ausgeht.

Warum Angehörige darauf vorbereitet werden sollten

Ich wünsche mir, dass mehr Angehörige von diesem Phänomen erfahren, damit sie verstehen, was sie erleben.

Denn wer weiß, dass ein solches letztes Aufblühen möglich ist, kann diesen kostbaren Moment bewusst genießen, ohne ihn zwangsläufig als Wendepunkt im Krankheitsverlauf zu verstehen.

Es könnte sein, dass gerade dadurch Gespräche entstehen, für die vorher die Gelegenheit verstrichen zu sein schien.

Möglicherweise können noch Worte ausgesprochen werden, die sonst ungesagt geblieben wären.

Und wahrscheinlich ist es dann dieser Augenblick, der für immer in Erinnerung bleibt.

Die Kerze auf meinem Schreibtisch

Auch an diesem Morgen brennt die Kerze neben mir.

Ihr bleibt nicht mehr lange bis zu ihrem letzten Aufflackern. Durch das transparent gewordene Wachs kann ich bereits den Boden des Kerzenständers erkennen.

Bald wird auch sie erlöschen und erinnert mich auf diese Weise jeden Tag daran, wie kostbar unsere Zeit ist.

Nicht nur am Ende eines Lebens, sondern an jedem einzelnen Tag.


Fazit

Dass Sterbende kurz vor ihrem Tod noch einmal wach, klar oder erstaunlich kräftig wirken, gehört zu den berührendsten Erfahrungen, die Angehörige machen können.

Auch wenn dieses Phänomen oft Hoffnung weckt, ist es in vielen Fällen Teil des natürlichen Sterbeprozesses.

Ich wünsche mir, dass mehr Menschen davon wissen.

Denn Wissen verändert den Abschied nicht, aber es kann helfen, ihn besser zu verstehen.

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