Tritt im näheren Umfeld ein Trauerfall ein, dann ist es nicht leicht, darauf zu reagieren. Vielleicht kennst du es aus eigenem Erleben. Was soll ich meiner Nachbarin sagen, deren Mann gestern gestorben ist? Wie begegne ich meinem Kollegen, der zwei Wochen nach dem Tod seines Sohnes wieder zur Arbeit kommt? Das Leben schreibt schwere Geschichten, untröstliche Geschichten. Wie soll ich damit umgehen? Wie ist es überhaupt möglich, damit umzugehen?

Trauer gehört in unserer Gesellschaft nach wie vor zu den Tabuthemen. Über Trauer wird nicht gesprochen, und deshalb hat auch niemand Übung darin. Wenn es in der Schule ein Fach gäbe, das Gefühlslehre hieße – zusätzlich zur Biologie eine Emotiologie -, dann würden wir alle von klein auf lernen, dass Gefühle zum Leben dazugehören, ja, dass sie es erst sind, die uns lebendig machen. Wir würden wissen, dass Trauer eins dieser Gefühle ist und dass sie eine natürliche Reaktion des Menschen ist auf etwas, was uns wehtut: körperliche Schmerzen oder seelische Schmerzen. Wir würden dann auch angemessener mit Menschen in Trauer in Kontakt treten können.

Floskeln, Trauerfloskeln wären nicht das Mittel der Wahl. Nicht „Mein Beileid!“ würde gesagt werden und auch nicht: „Die Zeit heilt alle Wunden.“ In den Kommentaren zu meinem Video auf meiner Facebookseite schrieben einige, was sie erlebt haben, als sie selbst in Trauer waren. „Das hat alles einen Sinn“, wurde zu ihnen gesagt, „das Leben geht weiter.“ Oder: „Du bist noch jung, du lernst wieder jemanden kennen.“ Sind solche Sätze das, was Trauernde hören möchten? Nein, definitiv nicht!

Eine schrieb, dass sie gefragt wurde: „Trauerst du etwa immer noch?“ Und sie habe geantwortet: „Ja, er ist auch immer noch tot.“ Mit solchen Antworten kannst du verblüffen und Menschen ins Nachdenken bringen.

Menschen, die mich fragen, was sie anstelle der Trauerfloskeln sagen sollen, rate ich, ganz ehrlich und authentisch zu reagieren. Zum Beispiel so: „Ich habe gehört, dass Ihr Mann gestorben ist. Das tut mir wirklich leid! Letzte Woche habe ich ihn noch im Treppenhaus getroffen und ein paar Sätze mit ihm gesprochen. Was ist denn passiert?“ Oder so: „Die Nachricht vom Tod deines Sohnes hat mich völlig schockiert. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll.“

Wichtig ist: Sag es mit deinen eigenen Worten! Sag, was du fühlst! Sprich aus, wie es dir wirklich geht! Alles andere geht an dir selber und vor allem an dem Menschen vorbei, der deine ehrliche, ungeschminkte Zuwendung dringend nötig hat.

Ich wünsche dir von Herzen eine floskellose Woche von Mittwoch zu Mittwoch,

deine Katharina

Zitat der Woche: „Ich kam an deine Küste als ein Fremdling, ich wohnte in deinem Hause als ein Gast, ich verlasse deine Schwelle als ein Freund, meine Erde.“ (Rabindranath Tagore)